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Neues zur Isoglukose

von Prof. Dr. Martin Smollich

Der problematische Zuckersirup ist zu vermeiden
Worauf beim Einkauf zu achten ist

Bekanntermaßen können zur Süßung von Lebensmitteln verschiedene Zucker eingesetzt werden: Saccharose, Glukose, Fruktose und viele andere mehr. Daneben gibt es eine weitere, besondere Zuckermischung – die sogenannte Isoglukose. Am 1. Oktober 2017 endete in der EU die Quotenregelung für Isoglukose, dies wird sich ganz konkret auf unser Essen auswirken und auf unsere Gesundheit.

Verbraucher kennen die Isoglukose bislang kaum, allenfalls unter der Bezeichnung „Fruktose-Glukose-Sirup“. Während dieser Sirup in den USA – er wird dort als high fructose corn syrup „HFCS“ vermarktet – schon lange das mengenmäßig wichtigste Süßungsmittel ist, war der Anteil in der EU durch die Zuckermarktverordnung auf maximal 5 % des Zuckermarktes begrenzt gewesen – bis zum 1. Oktober 2017. Hintergrund dieser Regelung war es, die europäischen Zuckerrübenbauern – in der EU wird Zucker fast nur aus Zuckerrüben produziert – vor der Konkurrenz durch den aus Maisabfällen in den USA gewonnenen Fruktose-Glukose-Sirup zu schützen.

Glukosesirup, wie er in vielen verarbeiteten Lebensmitteln zu finden ist, wird durch enzymatische Hydrolyse aus Stärke gewonnen („Stärkeverzuckerung“). Er besteht überwiegend aus Glukose und anderen Zuckern in verschiedenen Anteilen und besitzt einen Fruktoseanteil von maximal 5 %. Isoglukose dagegen bezeichnet einen Glukose-Fruktose-Sirup, bei dem der Fruktoseanteil auf mindestens 10 % erhöht ist. Bleibt der Fruktoseanteil unter 50 %, handelt es sich um einen Glukose-Fruktose-Sirup; steigt der Fruktoseanteil über 50 %, wird das Produkt als Fruktose-Glukose-Sirup oder als Fruktosesirup (bei einem Glukoseanteil unter 5 %) bezeichnet. Isoglukose stellt somit die europäische Bezeichnung für den amerikanischen Fruktose-reichen Maissirup (HFCS) dar. Wie die englische Bezeichnung schon sagt, wird Isoglukose anders als der bisher bei uns übliche Glukosesirup nicht aus Zuckerrüben, sondern aus (meist gentechnisch verändertem) Mais hergestellt. Doch es gibt einen weiteren, ernährungsmedizinisch wichtigen Unterschied: Beim klassischen Glukosesirup darf die Fruktose maximal 5 % der Trockenmasse ausmachen – das ist bei der Isoglukose nicht so, charakteristisch ist hier ein erhöhter Fruktoseanteil von 55 % bis 90 %. Isoglukose unterscheidet sich vom Glukosesirup damit in zwei entscheidenden Punkten: sie wird aus Maisabfällen (statt aus Zuckerrüben) hergestellt und hat einen deutlich höheren Anteil an Fruktose.

Kritisch ist der hohe Fruktose-Anteil
Das klingt alles sehr technisch und für den Verbraucher kaum relevant. Zudem gibt es beim Kaloriengehalt keinen Unterschied zwischen Glukosesirup und Isoglukose. Was ist dann das Problem, wenn in Lebensmitteln zukünftig statt Glukosesirup vermehrt die fructose-reiche Isoglukose eingesetzt wird? Die Fruktose unterscheidet sich im Stoffwechsel von den anderen Zuckerarten und hat – anders als andere Zucker – eine besondere Relevanz für die Entstehung des metabolischen Syndroms. Gründe hierfür sind die Unterschiede im Glukose- und Fruktosestoffwechsel in der Leber. Deshalb sollte selbst schon eine geringe Mehraufnahme an isolierter Fruktose möglichst vermieden werden. Dies gilt erst recht für Menschen, die bereits übergewichtig oder dickleibig sind.

Wie hängt Fruktose mit Übergewicht, Diabetes und Leberverfettung zusammen?
Bis vor wenigen Jahren gab es „Diabetiker-Lebensmittel“, die statt Haushaltszucker überwiegend Fruktose enthielten. Hintergrund dieser Empfehlung war die Tatsache, dass Fruktose eine geringere Insulinausschüttung bewirkt. Dadurch sinkt der Insulinbedarf, doch es fällt auch der Sättigungseffekt weg, der durch Insulin vermittelt wird. In der Folge wird mehr gegessen, was bei den meisten Typ-2-Diabetikern kontraproduktiv ist. Die Fruktose hat noch weitere Nachteile, denn die erhöhte Aufnahme beschleunigt die Entstehung bzw. das Voranschreiten des metabolischen Syndroms. Unter dem metabolischen Syndrom versteht man das gleichzeitige Auftreten von Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Insulinresistenz („tödliches Quartett“). Fruktose beeinflusst all diese Prozesse tendenziell negativ, da sie das Sättigungsgefühl reduziert, wodurch das Übergewicht zunimmt, der Blutdruck steigt und sich eine diabetische Stoffwechsellage weiter verschärft. Daneben besitzt Fruktose ungünstige Effekte auf den Fettstoffwechsel und erhöht die Harnsäurekonzentration im Blut, das Gichtrisiko steigt ebenfalls an.

Isoglukose: billiger und süßer
Warum hat die Lebensmittelindustrie ein Interesse, die bereits jetzt in verarbeiteten Lebensmitteln viel zu großzügig verwendete Saccharose und Glukosesirupe mit Isoglukose zu ersetzen? Dafür gibt es mehrere Gründe und der wichtigste ist natürlich: der Preis. Isoglukose besitzt eine höhere Süßkraft als Glukosesirup und so kann für den gleichen Preis mehr „Süße“ in die Produkte gebracht werden. Zudem müssen für die Isoglukosegewinnung keine Zuckerrüben angebaut werden, sondern die ohnehin anfallenden Abfälle des Maisanbaus können verwertet werden – die Herstellung ist also auch deutlich günstiger. In den USA wurden die Gesundheitsgefahren durch die breite Verwendung der Isoglukose bereits vor ca. 15 Jahren erkannt und dort wurde inzwischen gegengesteuert. In der Folge ging die Verwendung der Isoglukose in den USA zurück und Produktionsstätten mussten schließen. Da aber nun der europäische Markt geöffnet ist, kann die industrielle Infrastruktur in den USA wieder genutzt werden, um die dort nicht mehr absatzfähige Isoglukose nach Europa zu exportieren. Vor diesem Hintergrund und aufgrund von Erfahrungen anderer Länder ist als Konsequenz der Aufhebung der Quote für Isoglukose damit zu rechnen, dass auch bei uns der (ohnehin schon sehr kritische) Glukosesirup in verarbeiteten Lebensmitteln durch die noch gesundheitsschädlichere, aber billigere, Isoglukose ersetzt wird. Die aufgenommenen Zuckermengen steigen an und damit die metabolisch besonders ungünstige Aufnahme von zugesetzter, freier Fruktose. Man braucht kein Hellseher zu sein um zu erkennen, dass damit eine weitere Zunahme von Adipositas und metabolischem Syndrom nach US-amerikanischem Vorbild vor unserer Tür steht.

Gesundheitspolitik gegen Wirtschaftspolitik
Dass die Quotenregelung für Isoglukose in Europa zum 1. Oktober 2017 endete, war von der Politik ausdrücklich so gewollt. Die Warnungen vieler medizinischer Fachgesellschaften – von der WHO bis hin zur Deutschen Adipositas-Gesellschaft oder Deutschen Diabetes-Hilfe – wurden ignoriert. Betrachtet man diese Vorgänge aus ernährungsmedizinischer Sicht und in Kenntnis der wissenschaftlichen Forschungen, kann man über diese mindestens billigend in Kauf genommene Gesundheitsschädigung nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Längst gilt der direkte Zusammenhang zwischen der Aufnahme sogenannter „freier Zucker“ (zugesetzter Zucker in verarbeiteten Lebensmitteln) und der Entstehung von Übergewicht/Adipositas, kardiovaskulären Erkrankungen und Diabetes bei der WHO sowie in Ernährungsmedizin und -wissenschaft als gesichert. Die WHO zeigte sich bereits 2015 in einer Stellungnahme sehr besorgt über die in Europa drohende Adipositas-Krise, die nur noch abgewendet werden könne, wenn möglichst schnell gegengesteuert werde. Dazu sei eine geeignete Politik dringend erforderlich, so die WHO. Die Freigabe der Isoglukose ist das Gegenteil dieser geeigneten Politik.

Marktinteressen der Zuckerlobby dominieren
Die dramatischen Folgen einer „Gesundheitspolitik“, die unter dem Deckmantel des Schlagworts „mündiger Verbraucher“ die Gesundheit vor allem von Kindern und Jugendlichen den Marktinteressen der Zuckerlobby unterordnet, sind heute schon überdeutlich. Bereits vor der Freigabe der Isoglukose sah es in Deutschland nach aktuellen Erhebungen so aus: 67 % der Männer, 53 % der Frauen und 15 % der Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig oder adipös, 30 % aller Deutschen haben eine Fettleber, ca. 10 % einen Diabetes mellitus Typ 2 und ca. 30 % aller Krebserkrankungen sind ernährungsbedingt. Die Freigabe der Isoglukose wird dies weiter verstärken. Die Position der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) dazu ist eindeutig. Ihr Präsident, Prof. Dr. Matthias Blüher, in einem Statement zur Isoglukose-Freigabe: „Am Beispiel Zucker und Isoglukose können wir sehen, dass sich die Agrar- und Ernährungspolitik direkt auf die Ernährung der EU-Bürger auswirkt und damit Einfluss auf die Entstehung chronischer Krankheiten hat. Wir müssen verhindern, dass wirtschaftliche Interessen einmal mehr den ungünstigen Zuckerkonsum weiter in die Höhe treiben und die Gesundheit der Bürger als Kollateralschaden einer einseitigen Agrarpolitik in Kauf genommen wird.“

Worauf beim Einkauf zu achten ist
Die zugesetzten, freien Zucker in verarbeiteten Lebensmitteln sind aus ernährungsmedizinischer Sicht sehr kritisch. Der Wegfall der Quotenregelung für Isoglukose wird dazu führen, dass diese ohnehin schon überflüssigen Zucker durch die noch schlechtere Isoglukose ersetzt werden. Dem Verbraucher bleibt also nichts Anderes übrig, als die Zutatenlisten gründlich zu prüfen und Alternativen zu wählen. Es ist davon auszugehen, dass dieser produktinterne Austausch gegen Isoglukose selbstverständlich nicht durch Warnhinweise wie „Achtung Isoglukose!“ gekennzeichnet ist, sondern still und unauffällig vollzogen wird. Zudem wird in den Zutatenlisten auch nicht die Isoglukose an sich namentlich auftauchen, sondern nur Synonyme wie Fruktose-Glukose-Sirup oder Maissirup. Das Wissen um die gesundheitlichen Nachteile einer hohen Fruktosezufuhr sollte aber nicht dazu führen, gesunde Fruktosequellen wie Obst und Gemüse zu meiden. Ernährungsmedizinisch kritisch ist Fruktose nur dann, wenn sie nicht in Form der ursprünglichen Lebensmittel (Obst und Gemüse) aufgenommen wird, sondern wenn es sich um freie, zugesetzte Fruktose, zum Beispiel in Softdrinks, Backwaren oder verarbeiteten Lebensmitteln handelt. Auch vermeintlich „gesunde“ Getränke wie Frucht-Smoothies oder Fruchtsäfte können hohe Mengen an freier Fruktose enthalten. •

Klicktipp: www.ernaehrungsmedizin.blog

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