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Im Wald sein

Wie uns die Waldtherapie hilft

von Dr. Melanie H. Adamek

Aus dem Blickwinkel des Einzelnen ist Shinrin Yoku – das Waldbaden – die Idee, den Wald als Ort der Ruhe und Entspannung auf sich wirken zu lassen, ihn mit allen Sinnen zu erfahren und die Waldluft einzuatmen – als natürliche Aromatherapie. Aus dem Blickwinkel der öffentlichen Gesundheit geht es darum, den Wald als Ressource für Gesundheit und Therapie zu nutzen. Damit ist das Shinrin Yoku nicht weit weg von dem, was wir im Kur- und Rehabereich schon lange praktizieren und was ich aus meiner Kindheit und den bei meinen Großeltern in Fužine verbrachten Ferien vor Augen habe.

Waldbaden, Shinrin Yoku oder Im-Wald-Sein ist eine Medizin, die „schmeckt“ und umso besser wirkt, je öfter wir sie „einnehmen“. Diese Medizin gab es schon immer, sie spielte in der menschlichen Entwicklungsgeschichte eine tragende Rolle, bevor wir offenbar vergessen haben, diese Medizin zu nützen. Jedoch nicht überall. Vor allem in Japan werden Gelder in die Forschung investiert, die das Wissen um die Heilkraft des Waldes zurückbringen soll – auf wissenschaftlich nachgewiesene Art und Weise. Während vielerorts darüber nachgedacht wird, welche (weiteren) Beweise noch zu finden sind, damit wir das Im-Wald-Sein als Teil einer gesunden Lebensführung (be-)greifen, empfehlen oder etablieren können, ist Forest Healing in Südkorea bereits eine staatliche Präventions- und Gesundheitsstrategie, deren gesamtgesellschaftlicher Nutzen außer Frage steht. So mancher mag jetzt denken, Waldbaden, Shinrin Yoku, Im-Wald-Sein, das ist doch alter Wein in neuen Schläuchen. Na ja, vielleicht, vielleicht nicht ganz, vielleicht auch gar nicht. Wann waren Sie das letzte Mal im Wald, um einfach hier und jetzt im Wald zu sein? Um Ihre Lunge entspannt atmen zu lassen, um zu fühlen und zu schmecken? Um Ihre Augen, Ihre Ohren, Ihre Nase, Ihre Hände und Füße und Ihre Haut auf eine eigene Erlebnisreise zu schicken? Um nicht zu denken, um nur zu sein?

„Gesundheit ist gewiss nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“ Arthur Schopenhauer

Trotz dieser Erkenntnis fällt es oft schwer, ein gesundheitsbewusstes Leben zu führen, schlechte Gewohnheiten aufzugeben und gute in unseren Alltag aufzunehmen. Manchmal fehlen schlicht das Wissen und die Bereitschaft, uns damit neben all den vielen Aufgaben zu befassen. Ich möchte Sie einladen, mit auf eine Entdeckungsreise zu gehen und sich bewusst Zeit zu nehmen für die vielen Facetten des Im-Wald-Seins und für eine neue Art, dieses spannende Zukunftsthema zu betrachten. Ein Thema für uns alle und nicht nur diejenigen Menschen, die sich mit Prävention und Gesundheitsförderung befassen. Ich wünsche mir, dass Sie Ihren persönlichen Weg zum Im-Wald-Sein finden, denn mit Ihnen, Ihrer Neugier und Begeisterung fängt es an, dass das Im-Wald-Sein ein echtes Präventionskonzept für unsere Gesellschaft, unsere Umwelt und unseren Wald wird, mit dem wir untrennbar verbunden sind.

Was Sie in diesem Buch erwartet

Im ersten Kapitel entdecken Sie Grundlagen, Interessantes und Wissenswertes zur Verknüpfung von Wald und Gesundheit. Welche Rollen spielt Wald in unserem Leben? Was hat es mit den Wirkstoffen des Waldes, den Terpenen und Phytonziden auf sich und wie funktioniert unser Immunsystem? Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse legen nahe, dass wir den Wald mit anderen Augen sehen sollten, nämlich als Ort, in dem Gesundheit schlummert? Längst ist belegt, dass das Im-Wald-Sein mehr als unsere Stimmung verbessert. Japanische Forscher fanden heraus, dass Waldaufenthalte unsere Killerzellen beflügeln. Diese sind sehr wichtig für unsere Gesundheit, sie kämpfen gegen virusinfizierte Zellen oder Tumorzellen, die sich in uns vermehren und verbreiten wollen.

Das zweite Kapitel berichtet von der wissenschaftlich unterstützten Idee eines praktischen Waldbaden-Experiments. Zwölf Menschen machten gemeinsam einen Kurzurlaub, um die positiven Wirkungen des Im-Wald-Seins in einer fünftägigen Reise in das kroatische Bergland zu erfahren. Hier wird es emotional und menschlich. Eindrücke, Empfindungen, Beobachtungen und Gedanken stehen im Mittelpunkt. Gesundheit leben, heißt Gesundheit erleben. Wir verbrachten drei Tage in sehr unterschiedlichen Wäldern mit einem abwechslungsreichen Im-Wald-Sein-Programm.

Im dritten Kapitel werden die gesundheitlichen Effekte unseres Waldbaden- Experiments geschildert. Welche Verbesserungen unseres Immunsystems, körperlichen Wohlbefindens und unserer Stimmungslage wurden festgestellt? Und hat unser Im-Wald-Sein noch andere Wirkungen gehabt, etwa wie wir künftig mit unserer Gesundheit umgehen wollen?

Das vierte Kapitel führt Sie nach Japan, ins Mutterland des Shinrin Yoku und der Shinrin Therapy. Was diskutiert man dort? Welchen Beitrag leistet der Wald für unsere Gesundheit, worauf kommt es an? Hinzu kommen persönliche Highlights: Eine Unterhaltung mit Prof. Dr. Won Sop Shin, der wesentlich zum Entstehen der Forest healing policy in Südkorea beitrug; ein Shinrin-Yoku-Erlebnis im Waldtherapiezentrum Okutama; eine Adelung unseres Waldbaden-Experiments durch japanische Experten; ein Gespräch mit Prof. Dr. Qing Li und ein Spaziergang in den Kaiserlichen Gärten Tokios mit Amos Clifford, dem Gründer einer der führenden Vereinigungen für die Ausbildung von Forest Therapy Guides.

Im fünften Kapitel erfahren Sie, bei welchen gesundheitlichen Problemen Naturkontakt und das Im-Wald-Sein helfen. Experten sind sich einig: Psychostress und Zivilisationskrankheiten entstehen auch, weil wir die natürliche Umwelt verlassen haben und die existenzielle Verbindung zur Natur nicht mehr spüren. Naturkontakt ist vielfältig. Was kann er in unserem Körper, unserer Seele, in unserem Geist anstoßen? Welche für unsere Gesundheit essenziellen Wirkstoffe hat die Forschung schon ermittelt? Bei welchen Krankheiten hilft uns die Verbindung mit Wald und Natur?

Die 10 Urtipps des Waldbadens
Prof. Li gilt als Begründer des Waldbadens. Seine 10 Urtipps für ein individuelles Shinrin-Yoku-Erlebnis beruhen auf seinen Studien und sind ganz einfach:

  1. Machen Sie einen Plan nach Ihren körperlichen Fähigkeiten, vermeiden Sie eine Überforderung.
  2. Haben Sie einen ganzen Tag Zeit, dann bleiben Sie etwa vier Stunden im Wald und legen Sie etwa fünf Kilometer zurück. Wenn Sie nur einen halben Tag Zeit haben, dann bleiben Sie zweieinhalb Stunden dort und gehen etwa zweieinhalb Kilometer.
  3. Legen Sie Pausen ein, wenn Sie sich müde fühlen.
  4. Wenn Sie durstig sind, trinken Sie Wasser oder Tee.
  5. Finden Sie einen Ort, den Sie mögen, und lassen Sie sich eine Weile dort nieder. Lesen Sie etwas oder genießen Sie die Landschaft.
  6. Wenn möglich baden Sie nach dem Waldausflug in einer heißen Quelle, im Thermalbad oder in der heimischen Badewanne.
  7. Wählen Sie einen Waldweg aus, der zu Ihren Bedürfnissen passt.
  8. Wenn Sie Ihr Immunsystem ankurbeln wollen, ist ein dreitägiger Ausflug mit zwei Übernachtungen empfehlenswert. Dieser Tipp basiert auf Prof. Lis Forschungen zu Shinrin-Yoku-Experimenten mit zwei Übernachtungen, um den Anstieg der Anzahl und Aktivität natürlicher Killerzellen und weiterer wichtiger Bestandteile unseres Immunsystems nachzuweisen. Aber auch nach einem eintägigen Waldaufenthalt konnten schon positive Wirkungen auf das Immunsystem festgestellt werden.
  9. Falls Sie einfach entspannen und Stress abbauen möchten, ist ein Tagesausflug in einen Wald in Ihrer Umgebung ratsam.
  10. Waldbaden ist eine vorbeugende Maßnahme, um gesund zu bleiben. Wenn Sie sich krank fühlen, suchen Sie einen Arzt auf.

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