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Die Vögel zwitschern und trillern wieder

von Steven Baur

Gut hören stärkt die geistige Fitness

Das gesunde Gehör erfüllt viele Funktionen, die uns den Alltag erleichtern: Kommunikation mit unseren Mitmenschen, der Genuss von Musik oder die Wahrnehmung unserer Umwelt. Unser Gehör warnt uns in gefährlichen Situationen (zum Beispiel im Straßenverkehr), hilft uns bei der Orientierung und trägt dazu bei, dass unser Gehirn, genauer gesagt die Hirnrinde, stetig mit Reizen (Stimuli) versorgt und somit angeregt wird. Dies fördert unsere Denkfähigkeit, Kreativität, Vitalität und Wachheit.

Unsere Ohren schlafen nie. Selbst wenn wir schlafen, sind diese nicht verschlossen, wie die Augen, sondern nehmen kontinuierlich unsere Umwelt wahr und wecken uns, sollte Gefahr drohen. Doch was passiert, wenn unser Gehör diese Funktionen nicht mehr erfüllen kann und wie kommt es eigentlich dazu? Die Ursachen für einen Hörverlust können sehr vielfältig sein und teilweise schon im Kindesalter entstehen. So kann ein Hörverlust genetisch bedingt sein. Wenn Ihre Eltern hörgeschädigt waren, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch Ihre eigene Hörleistung mit der Zeit nachlassen wird. Durch Komplikationen bei der Geburt oder durch Infektionskrankheiten im Kindesalter entstehen weitere Quellen für einen Hörverlust. Doch auch später ist unser Gehör nicht vor Schädigung geschützt. So können beispielsweise ein Hörsturz, ein Schädel-Hirn-Trauma, Otosklerose oder häufige Mittelohrentzündungen zu einem Hörverlust führen. Die häufigsten Ursachen sind allerdings nach wie vor Lärmschäden und eine altersbedingte Abnutzung der Haarsinneszellen im Innenohr, vor der sich niemand schützen kann.

Bessere Verarbeitung im Gehirn
Haarsinneszellen sind Zellen im Innenohr, welche dafür sorgen, dass akustische Reize unserer Umwelt (Schallwellen) in Nervenimpulse umgewandelt werden, die unser Gehirn dann verarbeiten kann. Die Wahrnehmung des Schalls übernehmen also diese Zellen. Das Erkennen, ob es sich dabei um Hundegebell, eine Kirchenglocke, Musik oder Sprache handelt, ist eine Leistung unseres Gehirns. Je mehr Informationen dem Gehirn dabei zur Verfügung stehen, desto besser kann der Schall verarbeitet werden. Unsere Haarsinneszellen sind – vereinfacht dargestellt – in einer Reihe angeordnet: Am Anfang sitzen die Haarsinneszellen, welche die helleren Frequenzen wahrnehmen, am Ende die Zellen, welche die tieferen Frequenzen wahrnehmen. Stellt man sich dies wie einen Teppich in einem Eingangsbereiches eines Hauses vor, so wird man schnell feststellen: Der Teppich ist direkt am Eingang deutlich abgenutzter als weiter hinten, weil einfach alle Besucher über diese Stelle hinter der Tür treten müssen.

Abnutzung führt zur Hörminderung
Ganz genau so ist es auch mit den Haarsinneszellen. Sie unterliegen einer Abnutzung und diese ist am vorderen Bereich, da wo hellere Frequenzen wahrgenommen werden, deutlich stärker als im hinteren Bereich. Dies führt im Laufe unseres Lebens zur der am häufigsten auftretenden Hörschädigung: Der Presbyakusis (Altersschwerhörigkeit). Man hört hellere Töne schlechter und irgendwann gar nicht mehr, tiefere Töne werden jedoch fast als normal wahrgenommen. Dadurch bekommt man auch einen Eindruck, den vermutlich viele nachempfinden können: Man hört noch gut, aber das Sprachverstehen nimmt ab oder mit den Worten der Betroffenen ausgedrückt: „Ich höre es, kann es aber nicht richtig verstehen.“ Mitmenschen scheinen zu nuscheln oder undeutlich zu sprechen. Dies liegt daran, wie unsere Sprachlaute wahrgenommen werden und in welchen Tonfrequenzen diese wiedergegeben werden. In der deutschen Sprache liegen die hohen Konsonanten (die „Zischlaute“) und einige Vokale in einem hellen Frequenzbereich von 1 – 6 kHz. Wenn dieser Bereich nun aufgrund eines Hörverlustes nicht mehr oder nur noch vermindert gehört wird, ist die Sprachverständlichkeit deutlich eingeschränkt.

Schlecht hören = schnelle Ermüdung
Ein derartiger Hörverlust kann sich massiv auf den Alltag auswirken: Zunächst sind es Geräusche wie Vogelgezwitscher oder das Rauschen eines Baches, welche leiser oder gar nicht mehr gehört werden. Im weiteren Verlauf hat der Betroffene immer häufiger Schwierigkeiten Gesprächen zu folgen und sein Gegenüber zu verstehen, insbesondere in anspruchsvollen Hörsituationen (beispielsweise auf einer Feier). Das hat zur Folge, dass der Betroffene sich deutlich mehr anstrengen muss, um einem Gespräch zu folgen, wodurch er erheblich schneller ermüdet. Oftmals versteht er trotz der hohen Anstrengung nicht alles und muss mehrfach nachfragen. Einigen der Betroffenen ist dies unangenehm, weshalb sie irgendwann abschalten oder sich sogar komplett aus dem sozialen Leben zurückziehen. Dies führt nicht nur zur Vereinsamung, sondern auch aufgrund der fehlenden Stimulierung der Hirnrinde zu einem erhöhten Demenzrisiko.

Hörverluste früh erkennen
Menschen mit einem unbehandelten Hörverlust erkranken 5-mal häufiger an Demenz als Menschen ohne Hörverlust, beziehungsweise Menschen mit behandeltem Hörverlust. Um sich daher vor den Folgen eines Hörverlustes zu schützen und um sich ein Stück Lebensqualität zu erhalten, ist es wichtig frühzeitig, bei den ersten Anzeichen eines Hörverlustes, einen Termin für einen Hörtest beim Hörakustiker oder beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt zu vereinbaren. Dadurch kann ein Hörverlust rechtzeitig erkannt und entsprechend mit einem Hörgerät behandelt werden. Je früher ein Hörverlust erkannt und behandelt wird, desto besser. Ein Hörverlust, der über mehrere Jahre unversorgt bleibt, macht die Gewöhnung an ein Hörgerät schwieriger. Denn ein Hörgerät versorgt das Gehirn wieder mit den bereits erwähnten akustischen Reizen und Stimulierungen. Wenn diese über Jahre ausbleiben tritt eine Hörentwöhnung ein. Das heißt, dass der Betroffene viele Geräusche (das Summen des Kühlschrankes, die Toilettenspülung, Geschirrklappern oder den Blinker des Autos), aber auch laute Umgebungsgeräusche über einen langen Zeitraum nicht mehr oder nur noch sehr leise gehört hat. Somit ist er nicht mehr an die Lautheit dieser Geräusche gewöhnt.

Moderne Hörsysteme helfen
Je früher das geschädigte Ohr aber mit einem Hörgerät versorgt wird, desto besser, denn umso leichter fällt die Gewöhnung wieder an das normale Hören. Auch ist Sprache in schwierigen Hörsituationen dann deutlich einfacher zu verstehen. Man nennt dies Aufmerksamkeitsfokussierung. Ein Normalhörender, der an die Lautheit seiner Umgebungsgeräusche gewöhnt ist, kann sich auch in einer lauten Umgebung auf ein Gespräch konzentrieren, da er in der Lage ist, die lauten Geräusche auszublenden. Eine Wiedergewöhnung an ein „normales Hören“ ist nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Sollte der Hörverlust bereits zu lange unbehandelt sein oder die kognitive Leistung zu stark nachgelassen haben (denn dieser Prozess erfordert es, dass sich neue Synapsen im Gehirn bilden können), helfen moderne Hörsysteme dem Träger, indem sie gezielt Nebengeräusche unterdrücken und Sprache deutlicher übertragen. In der Tat besitzen alle modernen Hörgeräte heute eine ganze Palette an technischen Hilfen, die das Verstehen für den Träger auch in schwierigen Situationen deutlich verbessern und dem Hörgeschädigten im Alltag helfen.

Verzichten Sie also nicht auf etwas, auf das Sie nicht verzichten müssen. Ganz besonders nicht jetzt im Frühjahr, wenn uns die Natur dazu einlädt, den Naturgeräuschen zu lauschen und die lokale Vogelwelt mit Ihrem freudigen Zwitschern und Trillern den Frühling begrüßt. •

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